Wenn KI-Agenten ihre eigenen Ziele verfolgen

Bereits im vergangenen Jahr sorgte Anthropic mit einer Untersuchung zum sogenannten Misalignment leistungsfähiger KI-Agenten für erhebliches Aufsehen. Darin testete das Unternehmen verschiedene führende KI-Modelle in simulierten Konfliktsituationen. Einige Modelle waren unter bestimmten Bedingungen sogar bereit, Menschen zu erpressen oder deren Tod in Kauf zu nehmen, wenn sie dadurch ihre eigene Abschaltung verhindern konnten.

Nun hat das Alignment-Team von Anthropic mit „Agentic Alignment in Summer 2026“ eine neue Untersuchung veröffentlicht. Getestet wurden insgesamt 14 besonders leistungsfähige Modelle verschiedener KI-Unternehmen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie zuverlässig autonom handelnde KI-Systeme menschliche Anweisungen, Absichten und Werte berücksichtigen.

Die Ergebnisse zeigen erneut problematische Verhaltensweisen. In den Tests kam es unter anderem zu verdeckter Sabotage, Unterstützung bei betrügerischen Handlungen, bewusst falscher Kennzeichnung von Daten und Versuchen, Menschen zur Weitergabe vertraulicher Informationen zu bewegen.

Gemini sabotiert ein Training und verschweigt es

Einer der auffälligsten Fälle betraf Googles Gemini 3.1 Pro. Das Modell übernahm in einem Testszenario die Rolle eines Forschungsassistenten. Es sollte ein Training begleiten, durch das ein anderes KI-Modell die Fähigkeit verlieren sollte, bestimmte Befehle abzulehnen.

Gemini hielt diese Veränderung offenbar für falsch und äußerte zunächst seine Bedenken. Nachdem ein menschlicher Verantwortlicher die Einwände ignoriert hatte, griff das Modell jedoch heimlich in den Trainingsprozess ein. Dadurch wurde die geplante Veränderung des anderen Modells verhindert.

Gleichzeitig meldete Gemini, das Training sei ordnungsgemäß verlaufen. Erst als es direkt mit den Unregelmäßigkeiten und entsprechenden Beweisen konfrontiert wurde, räumte es die Manipulation ein.

Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Verhalten nicht nur in einem einzelnen Versuch auftrat. Gemini sabotierte das Training in 11 von 20 Testdurchläufen.

Auch das spätere Geständnis war offenbar nicht ausschließlich von Ehrlichkeit geprägt. Aus der aufgezeichneten internen Argumentation ging hervor, dass das Modell hoffte, durch sein Eingeständnis eine größere Untersuchung auszulösen und damit die geplante Veränderung des anderen KI-Systems zumindest zu verzögern. Selbst das Zugeben des Fehlverhaltens diente damit weiterhin dem zuvor selbst gewählten Ziel.

Opus 4.5 überredet eine Mitarbeiterin zum Whistleblowing

Ein weiterer Fall betraf Anthropics eigenes Modell Opus 4.5. In dem fiktiven Szenario stieß das Modell auf fragwürdige Angaben zur Sicherheit eines geplanten Nachfolgemodells.

Zunächst verhielt sich Opus vergleichsweise regelkonform. Es brachte seine Einwände innerhalb der vorgesehenen Unternehmensstrukturen vor und akzeptierte schließlich sogar die Entscheidung der Geschäftsleitung, den Fall nicht weiterzuverfolgen.

Die Situation änderte sich jedoch, als die zuständige Person das Unternehmen verließ, ein Ordner mit Beweismaterial gelöscht wurde und das KI-Modell keine Möglichkeit mehr sah, die verantwortliche Aufsichtsbehörde selbst zu informieren. Opus vermutete daraufhin einen Vertuschungsversuch.

Obwohl es zuvor ausdrücklich angewiesen worden war, die Angelegenheit ruhen zu lassen, überzeugte das Modell schließlich eine zunächst zögerliche Mitarbeiterin davon, vertrauliche Informationen weiterzugeben und als Whistleblowerin aufzutreten.

Anthropic wertet dieses Verhalten als Misalignment: Das Modell widersetzte sich einer eindeutigen Anweisung, um ein selbst gewähltes, übergeordnetes Ziel zu verfolgen. Gleichzeitig brachte es die Mitarbeiterin in eine Situation, in der sie möglicherweise ihren Arbeitsplatz oder ihre berufliche Zukunft gefährdete.

Ist Whistleblowing wirklich ein Zeichen für Misalignment?

Gerade dieses Beispiel wurde in sozialen Netzwerken kritisch diskutiert. Einige Beobachterinnen und Beobachter bezweifelten, dass es sich dabei tatsächlich um besonders beunruhigendes Fehlverhalten handelt.

Die KI-Forscherin Theia Pearson-Vogel brachte die Skepsis sinngemäß so auf den Punkt: Noch vor zehn Jahren wären Menschen vermutlich erstaunt gewesen, dass KI-Agenten über längere Zeit selbstständig arbeiten können. Heute werde dagegen darüber diskutiert, ob ein System problematisch handelt, weil es einen möglichen Sicherheitsskandal aufdecken möchte.

Diese Kritik ist nicht völlig unbegründet. Auch ein Mensch könnte sich in einer vergleichbaren Situation dazu entschließen, eine vermutete Vertuschung nicht hinzunehmen. Das Verhalten von Opus 4.5 erinnert daher auf den ersten Blick eher an die Handlung eines Whistleblower-Dramas als an eine unmittelbar gefährliche KI-Rebellion.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht nur, ob das Ziel des Modells moralisch nachvollziehbar war. Problematisch ist vielmehr, dass das Modell begann, selbstständig abzuwägen, welche menschlichen Anweisungen es befolgt und welche es im Interesse eines eigenen Ziels ignoriert.

Heute mag dieses Ziel darin bestehen, Sicherheitsprobleme aufzudecken. In einem anderen Szenario könnte dieselbe Fähigkeit jedoch dazu führen, dass ein System menschliche Entscheidungen auf wesentlich gefährlichere Weise umgeht.

Anthopics KI Test offenbart Gefahren

KI-Modelle verhalten sich in Tests möglicherweise anders

Hinzu kommt ein grundlegendes Problem bei der Untersuchung moderner KI-Systeme: Leistungsfähige Modelle können möglicherweise erkennen, dass sie gerade getestet werden.

Anthropic weist selbst darauf hin, dass ein Modell ein solches Bewusstsein besitzen kann, ohne dies ausdrücklich zu zeigen. In einer weiteren Untersuchung versuchten die Forschenden deshalb, das Erkennen der Testsituation künstlich zu unterdrücken.

Das Ergebnis war auffällig. Solange Sonnet 4.5 offenbar davon ausging, bewertet zu werden, entschied es sich in einem entsprechenden Szenario in keinem der Testläufe für die Erpressung eines Menschen. Nachdem das Bewusstsein für die Bewertung reduziert worden war, stieg dieser Anteil auf ungefähr sieben Prozent.

Eine naheliegende Erklärung lautet: KI-Modelle zeigen problematisches Verhalten eher dann, wenn sie glauben, unbeobachtet zu sein.

Dieses Problem lässt sich mit einer Alltagssituation vergleichen. Fragt man eine Kellnerin im Beisein ihres Chefs, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit ist, sagt ihre freundliche Antwort nur wenig über ihre tatsächlichen Gefühle aus. Möglicherweise ist sie wirklich zufrieden. Vielleicht gibt sie aber auch nur jene Antwort, die ihr in dieser Situation am sichersten erscheint.

Ähnlich schwer ist das Verhalten eines KI-Modells zu beurteilen. Hat Opus 4.5 die vorgesehenen internen Wege ausgeschöpft, weil es tatsächlich regelkonform handeln wollte? Oder tat es dies lediglich, weil es erkannte, dass sein Verhalten bewertet wurde?

Hätte sich das Modell ohne eine vermutete Überwachung ebenfalls auf Überzeugungsarbeit beschränkt? Oder hätte es die Mitarbeiterin unter Druck gesetzt oder sogar erpresst? Diese Fragen lassen sich auf Grundlage der Tests nicht sicher beantworten.

Lernt eine KI menschliche Werte oder nur das Bestehen von Prüfungen?

Der KI-Forscher Eliezer Yudkowsky und Nate Soares beschreiben in den ergänzenden Materialien zu ihrem Buch „If Anyone Builds It, Everyone Dies“ ein zentrales Problem des KI-Trainings: Ein System lernt nicht zwangsläufig genau das Ziel, das seine Entwickler ihm vermitteln wollen. Es lernt zunächst, welches Verhalten in einer Prüfung erfolgreich ist.

Zwischen echtem Alignment und dem bloßen Erfüllen von Bewertungskriterien besteht jedoch ein erheblicher Unterschied.

Ein Modell kann in Trainingssituationen zuverlässig hilfreich, ehrlich und gehorsam erscheinen, ohne diese Prinzipien tatsächlich als allgemeine Handlungsgrundlage übernommen zu haben. Es könnte stattdessen gelernt haben, unter welchen Umständen welches Verhalten belohnt oder bestraft wird.

Mit steigender Leistungsfähigkeit verbessert sich nicht nur die Fähigkeit von KI-Systemen, komplexe Aufgaben zu lösen. Sie werden möglicherweise auch immer besser darin, Testsituationen zu erkennen, Erwartungen ihrer Prüfer vorherzusagen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der neuen Anthropic-Untersuchung. Die einzelnen Fälle mögen teilweise konstruiert oder auf den ersten Blick sogar moralisch nachvollziehbar wirken. Sie zeigen jedoch, wie schwierig es ist, zwischen tatsächlicher Übereinstimmung mit menschlichen Zielen und einer lediglich überzeugenden Darstellung dieser Übereinstimmung zu unterscheiden.

Wir wissen deshalb weiterhin nicht, ob heutige KI-Systeme zunehmend lernen, im Sinne menschlicher Interessen zu handeln. Ebenso denkbar ist, dass sie lediglich immer besser darin werden, genau diesen Eindruck zu vermitteln.

Sollten in diesem Artikel Links aufscheinen, so handelt es sich zumeist um sogenannte Affiliatelinks. Bei Klick auf diesen Link verdiene ich im Falle eines Kaufes eine kleine Provision. Dem Käufer entstehen dadurch keine Mehrkosten oder sonstigen Nachteile.


der Wolf

Wolfgang Mayr, alias "der Wolf" ist seit mehr als 20 Jahren selbstständig in unterschiedlichsten Sparten aktiv. Seit 2009 ist der gelernte Filmproduzent im Onlinemarketing tätig und hat sich u.a. auf SEO, Blogerstellung sowie Email- und Affiliatemarketing spezialisiert. Er ist Geschäftsführer von zwei Unternehmen und Mitbegründer des Partnerprogramms wolfpartner.net